Dynamische Stromtarife

Der schlafende Riese der Energiewende

Dynamische Stromtarife sollten eine Schlüsselrolle dabei spielen, den Ausbau von Wind- und Solarenergie effizienter zu gestalten und gleichzeitig die Systemkosten erheblich zu senken. Bei konsequenter Anwendung würden Millionen Elektroautos netzdienlich laden, Wärmepumpen flexibel auf Preissignale reagieren und Heimspeicher nicht nur den Eigenverbrauch optimieren, sondern auch das gesamte Stromsystem entlasten.

Wie gut das in der Praxis funktionieren kann, zeigen die Vorteile solcher Tarife auch in extremen Situationen.

Dunkelflaute und Stromkosten explodieren? Genau hier spielen dynamische Stromtarife ihre Stärke aus. Mit ihnen lädt man das Auto dann, wenn das Angebot und der Preis stimmen. Eben hatten wir noch eine Dunkelflaute mit Preisen von über 1,20 €/kWh und drei Tage später lädt man das Auto mit nur 16 ct/kWh– das entspricht 3,40 € für 100 km im Elektroauto, im Vergleich zu 10 bis 15 € beim Verbrenner. Selbst in den Nächten der Dunkelflaute hätte man für 31 ct/kWh geladen. Das sind 6,20 € für 100 km Autofahren.

Am 12. Dezember 2024 führte eine Kombination aus niedrigen Temperaturen und Windstille zu einem erheblichen Anstieg der Strompreise. Bereits drei Tage später waren jedoch in der Nacht wieder deutlich niedrigere Preise zu beobachten.
(Tibber-App Darstellung)

Das Preissignal der dynamischen Stromtarife verhindert in solchen Situationen eine zusätzliche Belastung des Stromsystems durch große Verbraucher wie Elektroautos und optimiert gleichzeitig die Verbrauchskosten. Je mehr Menschen solche Tarife nutzen, desto weniger stark schwanken die Strompreise, da sich Angebot und Nachfrage besser ausgleichen. Ein Gewinn für alle.

Doch dynamische Tarife bieten nicht nur ökologische und systemische Vorteile, sondern auch soziale: Sie ermöglichen es, erneuerbare Energie kostengünstig zu nutzen, selbst ohne eigene Investitionen in teure Technologien.

Kostengünstige Teilhabe an der Energiewende: Dynamische Stromtarife ermöglichen es, ein Elektroauto auch ohne teure PV-Anlage günstig zu laden und so den Zugang zu erneuerbaren Energien sozial gerechter zu gestalten.

Doch warum bleibt die Umsetzung schleppend? Noch immer bestimmen abgeregelter Windstrom, ungenutzte flexible Technologien und fehlende Anreize zur netzdienlichen Nutzung den Alltag. Wie lässt sich dieses enorme Potenzial freisetzen? In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf die Chancen, Herausforderungen und Praxisbeispiele, die zeigen, wie dynamische Stromtarife nicht nur Verbraucher: innen entlasten, sondern auch das gesamte Energiesystem stärken – und wie man direkt damit beginnen kann. Vor allem, da die Rahmenbedingungen von Jahr zu Jahr besser werden.

Eigentlich zeigt die Energiewende bereits beeindruckende Fortschritte: Der Anteil erneuerbarer Energien im Stromsektor hat 2023 die Marke von 52,5 % erreicht. (2024: ca. 58 %) Doch während der Stromsektor eine positive Entwicklung verzeichnet, stagnieren die Fortschritte im Verkehrs- und Wärmesektor mit einem Anteil erneuerbarer Energien von lediglich 7,5 % bzw. 17,7 %.

Quelle: Umweltbundesamt Erneuerbare Energien in Zahlen

Der effizienteste Weg zur Klimaneutralität führt über die Elektrifizierung von Verkehr und Wärme mit 100 % erneuerbarer Stromversorgung, (siehe u.a. Frauenhofer ISE, Agora) aber:

Die Erzeugung von Wind- und Solarenergie ist naturgemäß schwankend – eine Herausforderung, die zugleich Potenzial birgt. Die Frage drängt sich auf: Wie können Verkehr und Wärme elektrifiziert und gleichzeitig so gesteuert werden, dass sie flexibel auf die variierende Energieerzeugung reagieren?

Quelle: Zeit Online Energiemonitor

Eine intelligente Nutzung von Strom in diesen Sektoren könnte nicht nur Kosten senken, sondern auch einen wesentlichen Beitrag zur Stabilität des Energiesystems leisten. Ein Blick auf abgeregelte Energiemengen zeigt, welches Potenzial bereits ungenutzt bleibt.

Überschussstrom schlägt Ökostrom

Acht Terawattstunden (TWh) erneuerbarer Strom wurden in Deutschland im Jahr 2022 abgeregelt, da der lokale Verbrauch zu gering war und das überregionale Stromnetz diese Menge nicht aufnehmen konnte.  [Quelle: „Windstrom nutzen statt abregeln“, Agora 2023] Diese Menge an Strom könnte rechnerisch genutzt werden, um zwei Millionen Elektroautos jährlich 20.000 Kilometer weit zu bewegen (bei 20 kWh / 100km). Würde man die gleiche Anzahl Verbrenner durch diese Nutzung von Überschussstrom mit E-Autos ersetzen, ließen sich knapp 5 Millionen Tonnen CO2 einsparen.

Überschussstrom schlägt Ökostrom: Erneuerbarer Überschussstrom stammt aus bereits bestehenden Anlagen und wird erzeugt, ohne dass zusätzliche Ressourcen benötigt werden. Bleibt dieser Strom ungenutzt, geht wertvolles Potenzial verloren, obwohl die Anlagen bereits Umweltressourcen beansprucht haben – sei es durch die Herstellung von Windturbinen oder Solarmodulen. Seine Nutzung verringert den Bedarf an neuen Kapazitäten, die möglicherweise nicht aus erneuerbaren Quellen stammen. In einer nachhaltigen Energiewelt sollte Überschussstrom konsequent genutzt werden, um erneuerbare Energie maximal auszuschöpfen und das Energiesystem ökologisch wie ökonomisch zu optimieren.

86 TWh Überschussstrom bis 2035: Ohne flexible Verbrauchsmodelle könnte der Überschussstrom bis 2035 sogar auf bis zu 86 TWh anwachsen, was eine enorme Verschwendung wertvoller erneuerbarer Ressourcen und ein großes ungenutztes Potenzial für die Energiewende darstellt. Mindestens 54 TWh davon könnten laut einer Studie von Agora Energiewende alleine durch eine Flexibilisierung von Elektroautos und Wärmepumpen genutzt werden. [Quelle: „Klimaneutrales Stromsystem 2035”, Agora 2022] Doch obwohl diese Technologien zunehmend auf den Markt drängen, bestehen weiterhin Probleme:

Das Heimspeicher Problem

Heimspeicher werden oft als Schlüsseltechnologie für die Energiewende betrachtet, doch ihre aktuelle Nutzung birgt systemische Nachteile. Im Eigenverbrauchsmodus wird die Batterie geladen, sobald die Solarstromerzeugung den Hausverbrauch übersteigt. Sobald der Speicher voll ist, wird der überschüssige Strom ins Netz eingespeist.

Quelle: Heimspeicher – Nicht so toll wie du denkst – Hertie School (Lion Hirth)

Aus Sicht des Energiesystems ist dies jedoch problematisch: Wenn die Batterie bereits am späten Vormittag gefüllt ist, speist die Solaranlage den erzeugten Strom zu Zeiten hoher Netzbelastung ins Netz ein – genau dann, wenn ohnehin ein Überangebot an Solarstrom besteht. Dieses Verhalten ist für das Stromsystem eher schädlich, da es die Netzstabilität zusätzlich belastet. Tatsächlich kann ein falsch genutzter Heimspeicher die Situation sogar verschlimmern, anstatt sie zu verbessern.

Ein Heimspeicher entfaltet sein volles Potenzial erst dann, wenn er systemdienlich betrieben wird. Das bedeutet, dass die Batterie nicht nur auf die Bedürfnisse des eigenen Haushalts reagiert, sondern an den Erfordernissen des Stromsystems ausgerichtet ist. Konkret heißt das: Laden sollte erfolgen, wenn ein Überschuss an Strom im Netz vorhanden ist, und entladen, wenn der Stromverbrauch im Netz am höchsten ist.

Quelle: Heimspeicher – Nicht so toll wie du denkst – Hertie School (Lion Hirth)

Ein systemdienlicher Heimspeicher ist unabhängig von der eigenen Solarstromerzeugung und dem individuellen Verbrauch. Stattdessen orientiert er sich an Netzsignalen und Preissignalen des Strommarktes. Beispielsweise könnte die Batterie nachts geladen werden, wenn ein Überangebot an Windstrom besteht, und morgens oder abends entladen werden, um Verbrauchsspitzen im Netz zu glätten. Auf diese Weise trägt der Speicher aktiv zur Netzstabilität bei und verhindert, dass zusätzlicher Druck auf das Stromsystem entsteht.

Das E-Auto und Wärmepumpen Problem

Elektroautos werden meist direkt nach dem Abstellen geladen – häufig abends, wenn die Netzbelastung ohnehin hoch ist. Zudem bieten viele Arbeitgeber auf ihren Firmenparkplätzen ausschließlich Fix-Tarife an, was jeglichen Anreiz nimmt, das Laden an die Verfügbarkeit erneuerbarer Energien anzupassen. Auch an öffentlichen Ladesäulen dominieren Fix-Tarife, die keine Flexibilität anreizen.

Ohne einen dynamischen Stromtarif verhält sich der E-Auto-Fahrer nicht netzdienlich. Mit würde er seine Wallbox so programmieren, dass das Auto erst nachts für 24 ct oder einen Tag später für unter 20 ct pro kWh lädt. Im Sommer können es 15 ct bis 0 ct (!) sein.
(KI-generierte Darstellung)

Dabei werden Autos im Schnitt nur etwa eine Stunde täglich genutzt und könnten außerhalb der Abendstunden, z.B. in der späten Nacht oder am Wochenende um die Mittagszeit, geladen werden. Ähnlich sieht es bei Wärmepumpen aus: Derzeit arbeiten sie rein nach Heizbedarf, ohne sich an Preissignalen oder Netzanforderungen zu orientieren. Dabei könnten intelligente Wärmepumpen mit Pufferspeicher eine flexible Nutzung ermöglichen, die sowohl die Netzstabilität unterstützt als auch Kosten reduziert.

Wissenschaftliche Betrachtung

Die Flexibilisierung von Wärmepumpen, Elektroautos und Heimspeichern ist ein Schlüsselfaktor für eine erfolgreiche Energiewende. Laut einer Kurzstudie von Neon Energy Berlin wird die Anschlussleistung dieser Technologien bis 2030 auf das Zehnfache ansteigen – von derzeit 20 Gigawatt auf beeindruckende 200 Gigawatt. Bis 2045 könnte diese Leistung das Sechsfache der aktuell verfügbaren flexiblen Kraftwerksleistung erreichen.

Die Anschlussleistung dezentraler, flexibler Leistung, wie E-Autos, Wärmepumpen und Heimspeicher wird sich bis 2030 verzehnfachen.
Von derzeit 20 GW auf 200 GW. Bis 2045 auf ca. 500 GW. Quelle: Neon Energy, Berlin

Wird dieses Potenzial jedoch nicht systemdienlich genutzt, drohen erhebliche Zusatzkosten: Ein Mehrbedarf an Netzausbau und flexiblen Kraftwerken könnte die Energiewende unnötig verteuern. Dabei steckt in diesen Technologien ein enormes Flexibilisierungspotenzial. Durch eine intelligente Steuerung können Stromverbrauch und -nutzung auf Zeiten mit hoher Verfügbarkeit erneuerbarer Energien und geringer Netzlast verschoben werden.

Lion Hirth bringt es in einem Webinar zur Studie auf den Punkt: „Dezentrale Flexibilität ist in ihrer Bedeutung wohl kaum zu überschätzen. Dies ist im politischen Berlin und Brüssel noch nicht in vollem Maß angekommen.“ Die Integration dieser Flexibilität ist entscheidend, um die Energiewende effizient, kostengünstig und nachhaltig zu gestalten.

Für den Mehrwert dezentraler Flexibilität präsentieren die Autoren der Studie, Anselm Eicke, Lion Hirth und Jonathan Mühlenpfordt, konkrete Ergebnisse ihrer Modellierung. Dynamische Strom- und Netzentgelte fördern die netzdienliche Nutzung von Elektroautos, Wärmepumpen und Heimspeichern und senken dabei nicht nur die Betriebskosten deutlich, sondern vor allem auch die Stromsystemkosten signifikant.

Die Zahlen sind erstaunlich: Durch dynamische Tarife können die Systemkosten für Elektroautos um 70 % und für Wärmepumpen um 24 % reduziert werden. Auch die Betriebskosten profitieren erheblich, mit Einsparungen von 43 % bei Elektroautos und 19 % bei Wärmepumpen. Eine intelligent gesteuerte Solarbatterie kann zudem fast das Siebenfache des Nutzens für das Energiesystem erzielen, verglichen mit der herkömmlichen Eigenverbrauchsoptimierung. Im Gegensatz dazu verursacht das unflexible, „stupide“ Laden von Elektroautos bis zu dreimal höhere Kosten im Vergleich zu einer intelligenten Ladeweise.

Beispiel Elektroauto: Die jährliche Stromrechnung für die Nutzung eines VW ID3 Pure bei verschieden Stromtarifen sowie die durch das Laden verursachten Kosten im Stromsystem. Quelle: Neon Energy, Berlin

Führen dynamische Tarife zur Überbelastung? Gleichzeitig werden dynamische Stromtarife in der energiepolitischen Diskussion teils kritisch betrachtet, da sie angeblich die Verteilnetze belasten könnten. Die Autoren widerlegen dies mit ihren Analysen: Durch die marktbedingte Lastverschiebung von teuren auf günstige Stunden wird das Verteilnetz sogar eher entlastet. Selbst wenn es langfristig zu ungewollten Lastspitzen käme, sehen sie situative, kurze Leistungspreise als vielversprechendes Instrument. Aber worin liegt nun die größte Herausforderung?

Das Smart-Meter Problem

Dynamische Stromtarife existieren bereits seit einigen Jahren, und ab dem 01.01.2025 sind alle Stromanbieter gesetzlich verpflichtet, solche Tarife anzubieten. Doch die größte Hürde bei ihrer Nutzung ist der schleppende Ausbau von Smart-Metern, der die flächendeckende Verbreitung aktuell stark einschränkt. Im Jahr 2022 verfügte weniger als ein Prozent der deutschen Haushalte über ein solches Messsystem. Als Alternative zu Smart-Metern nennt die Studie geräteinterne Zähler, die mit einer Reform des EU-Strommarktes zur Abrechnung genutzt werden könnten. Bis dahin wären Smart-Meter eine „condition sine qua non“ für dezentrale Flexibilität.

Ganz so unverzichtbar sind Smart-Meter glücklicher Weise nicht für dynamische Stromtarife. Es reicht bereits eine moderne Messeinrichtung (mME), also ein digitaler Zähler, der den alten analogen Ferraris-Zähler ersetzt. Diese digitalen Zähler sind in der Regel mit einer optischen Infrarotschnittstelle ausgestattet, über die aktuelle Verbrauchswerte ausgelesen und übertragen werden können. Es gibt aktuell leider nur einen Anbieter, der ein Zusatzgerät für digitale Zähler anbietet und damit einen dynamischen Stromtarif ohne Smart-Meter möglich macht. Es ist der norwegische Ökostromanbieter Tibber.

Welchen Stromzähler habe ich? Ein Blick in den Keller zum Sicherungskasten genügt, um herauszufinden, welcher Zählertyp installiert ist. Wer beispielsweise bereits Hoch- und Niedertarife genutzt hat oder ein Balkonkraftwerk beim Stromversorger angemeldet hat, verfügt häufig schon über einen digitalen Zähler – allerdings meist noch keinen Smart-Meter.

Stromzählertypen: Analog, Digital ohne Gateway (mME), Smart-Meter (iMSys)

Wer direkt einen Smart-Meter beantragen möchte, steht vor einer Herausforderung: Haushalte mit einem Stromverbrauch von über 6.000 kWh pro Jahr oder mit steuerbaren Anlagen wie Photovoltaikanlagen oder Wärmepumpen werden beim Rollout priorisiert. Verbraucher mit geringerer Verbrauchsmenge können ebenfalls einen Smart-Meter beantragen, müssen jedoch häufig mit längeren Wartezeiten rechnen.

Übersicht der Stromzähler: Analog, Digital ohne Gateway (mME), Smart-Meter (iMSys)
Quelle: Bundesnetzagentur

In vielen Fällen dauert es Monate, bis ein Smart-Meter nach der Beantragung installiert wird, da Installationskapazitäten begrenzt sind. Verbraucher: innen berichten teils von fehlender Transparenz oder unklaren Informationen seitens der Netzbetreiber während des Prozesses.

Praktische Umsetzung ohne Smart-Meter

Ein interessantes Praxisbeispiel für dynamische Stromtarife bietet der Anbieter Tibber, der auch ohne Smart Meter genutzt werden kann. Tibber ermöglicht dies durch ein Zusatzgerät, den „Tibber Pulse“, das mit den meisten digitalen Stromzählern kompatibel ist. Eine Whitelist zeigt, welche Zähler unterstützt werden. Leider hat Tibber damit zur Zeit ein Alleinstellungsmerkmal. Hoffentlich folgen weitere Anbieter diesem Beispiel, damit die Verbreitung dynamischer Stromtarife schneller voranschreitet als der derzeit eher schleppende Rollout von Smart-Metern.

Die Preisgestaltung bei Tibber basiert auf den Großhandelspreisen des europäischen Strommarktes EPEX Spot. Diese Preise werden nach dem „Day-Ahead“-Prinzip jeden Tag gegen 13 Uhr für die Stunden des folgenden Tages festgelegt und stündlich abgerechnet. Die Preisschwankungen hängen von Faktoren wie der Verfügbarkeit erneuerbarer Energien, Wetterbedingungen, Netzbelastung und allgemeiner Nachfrage ab. Tibber selbst erzielt keine Gewinne durch den Stromverbrauch, sondern finanziert sich über eine Grundgebühr und Produkte wie Wallboxen, die im eigenen Store angeboten werden.

EPEX Spot Day-Ahead Strompreise für den 31. Dezember 2024. Auf www.epexspot.com und rechts in der Tibber-App mit Steuern und Abgaben, die teilweise regional abweichen

Regionale Unterschiede im Endpreis werden vor allem durch Netznutzungsentgelte und Konzessionsabgaben verursacht. In der Regel sind diese Kosten auf dem Land niedriger als in Ballungsräumen.

Zusammensetzung des Einkaufspreis (=Verbrauchspreis) bei Tibber; deutschlandweit und regional verschieden
Quelle: Wie setzt sich der Verbrauchspreis für Strom bei Tibber zusammen?

Die kurze Kündigungsfrist von nur zwei Wochen ist hervorzuheben. Die Kosten von ca. 100 € für den „Tibber Pulse“ können durch beidseitige Empfehlungsrabatte* stark reduziert werden.

Die Installation ist einfach und kostengünstig. Der Tibber Pulse wird am digitalen Zähler angebracht und verbindet sich mit einer Bridge, die maximal drei bis vier Stockwerke vom Zähler entfernt sein kann. Die Bridge stellt die Verbindung mit dem WLAN-Router her, damit Daten mit dem Tibber-Server ausgetauscht werden können. Besonders in Kombination mit einer Wallbox ermöglicht dieses System, Elektrofahrzeuge kosteneffizient zu laden, indem es die Ladezeiten an günstige Strompreise anpasst. Die Installation kann selbständig durchgeführt werden und außer den Kosten für den Tibber Pulse entstehen keine weiteren Kosten.

Installation mit Zusatzgerät „tibber pulse“, kein Smart-Meter nötig. Wallbox mit 11 kW AC Ladengeschwindigkeit.
Wallbox und E-Auto können über Preis- oder Zeitfenster programmiert werden

Mit dieser Lösung wird intelligentes Laden und eine flexible Stromnutzung auch ohne kostenintensive Smart-Meter-Lösungen zugänglich. Es ist ein ideales Beispiel dafür, wie innovative Technologien die Energiewende fördern und gleichzeitig den Zugang zu dynamischen Stromtarifen erleichtern können.

Über die App erhalten Nutzer detaillierte Einblicke in ihren aktuellen Stromverbrauch, den Strompreisverlauf und die Kosten. Allein die Transparenz über den eigenen Stromverbrauch hilft beim Energiesparen. Geräte die unnötig viel Strom verbrauchen werden so schnell gefunden.

Beispiele vom Mai bis Dezember 2024: Sie veranschaulichen eindrucksvoll, wie dynamische Stromtarife in der Praxis aussehen: Die App zeigt sowohl Spotpreise (ohne Steuern und Abgaben) als auch Bruttopreise (inklusive Steuern und Abgaben) an. So kann man auf einen Blick erkennen, wann Strom günstig oder sogar negativ bepreist ist. Ein Elektroauto kann in Zeiten niedriger oder negativer Preise sehr kostengünstig geladen werden – teils für nur wenige Euro oder sogar kostenlos.

Gerade im Sommer um die Mittagszeit, wenn der Nachbar mit seiner PV-Anlage das Auto lädt, schwanken die Preise zwischen selten 0 Cent – oft zwischen 8 und 17 Cent. Selten lädt man auch mal mit 30 Cent pro kWh. Dann variieren die Kosten für 100 km Autofahren zwischen 0 und 6 Euro. Sollte man in dringenden Fällen mal für 50 Cent laden, wäre man bei 10 Euro für 100 km und immer noch nicht teurer als mit einem Verbrenner an der Tankstelle.

Wer sein Elektroauto zu Hause laden kann, merkt schnell, dass es nicht täglich an die Steckdose muss. Besonders am Wochenende, wenn das Auto oft ungenutzt vor der Tür steht, bietet sich die ideale Gelegenheit, es für die kommende Woche aufzuladen.

Ein Beispiel aus dem Sommer und zuletzt die Woche um den Jahreswechsel

Im Mittel schafft man mit Tibber Ladekosten für um die 20 Cent pro kWh. Je nach konsequenter Anwendung und Region. Ein Vorteil zur eigenen PV-Anlage ist vor allem die windreiche Winterzeit, in der Solaranlagen wenig bis nichts produzieren. Natürlich lassen sich PV-Anlagen und dynamische Strompreise auch sehr gut kombinieren.

Wer sich eine Übersicht über die Day-Ahead Börsenstrompreise des Jahres 2024 machen möchte, kann sich die Energy-Charts des Frauenhofer ISE anschauen.

Der Nutzen für die Energiewende sollte im Fokus stehen: Bei aller wirtschaftlichen Betrachtung von Ladepreisen sollten Umweltbilanz und Netzdienlichkeit des Stromverbrauchs oberste Priorität haben. Ein Elektroauto, das mit Überschussstrom geladen wird, verbessert seine Ökobilanz erheblich im Vergleich zum Laden mit dem durchschnittlichen Strommix. Darüber hinaus stabilisiert die Nutzung von Überschussstrom das Energiesystem, indem erneuerbare Ressourcen optimal genutzt und Spitzenlasten vermieden werden. Solche flexiblen Verbrauchsmodelle sind essenziell, um die Energiewende effizient und nachhaltig voranzutreiben.

Abwägung bei dynamischen Stromtarifen: Wer aktiv an der Energiewende mitwirken möchte, hat mit dynamischen Tarifen jetzt eine tolle Möglichkeit. Es fördert das Verständnis über unser Energiesystem und macht das allgemeine Stromangebot, aber auch den eigenen Verbrauch jederzeit transparent. Einen ökonomischen Gewinn und großen Einfluss auf das Stromnetz haben natürlich vorrangig Nutzer: innen von großen Verbrauchern, wie Elektroautos, Wärmepumpen, Heimspeichern und eigenen PV-Anlagen. Aber auch Mieterinnen und Mieter, die erste Schritte mit einem Balkonkraftwerk in Kombination mit Minispeichern zwischen 1 bis 2 kWh machen wollen, können in Kombination mit dynamischen Tarifen die „private“ Energiewende voranbringen. (Ich selbst konnte mit meinem Minispeicher die hohen Strompreise am 12. Dezember 2024 abfedern und die Grundlast des Hauses größtenteils bewältigen.) Wer dagegen wenig Möglichkeiten hat seinen Verbrauch netzdienlich zu verschieben, der wird ökonomisch mit einem festen Tarif wahrscheinlich besser fahren und vermeidet das Risiko hoher temporärer Kosten.

Der schlafende Riese der Energiewende

Dynamische Stromtarife sind aktuell der schlafende Riese der Energiewende – ein Instrument mit immensem Potenzial, das bisher weder politisch noch in der Öffentlichkeit entsprechende Aufmerksamkeit bekommt. Sie bieten eine einfache Möglichkeit, erneuerbare Energien effizienter zu nutzen, die Netze zu entlasten und gleichzeitig Kosten für Verbraucher: innen zu senken. Besonders für Elektroautos entfalten dynamische Tarife ihre Stärke, indem sie kostengünstiges und netzdienliches Laden ermöglichen.

Doch die Reise endet hier nicht. Dynamische Netzentgelte und bidirektionales Laden sind zwei weitere Schlüsselbausteine. Bidirektionales Laden eröffnet die Möglichkeit, nicht nur Strom zu beziehen, sondern überschüssige Energie aus Elektroauto-Batterien gezielt ins Netz zurückzuspeisen. In Kombination mit einer dynamischen Einspeisevergütung könnte diese Technologie die Verbindung zwischen Verbrauchern und dem Energiesystem noch enger machen. Elektroautos würden so zu flexiblen Speichern und aktiven Akteuren der Energiewende.

Dynamische Netzentgelte hingegen setzen nicht nur Preissignale auf der Erzeugungsseite, sondern auch auf der Netzebene. Dadurch könnten Netzengpässe gezielt vermieden und der Netzausbau effizienter gestaltet werden.

Die Voraussetzungen für diesen Wandel werden jedes Jahr besser. Mit einer konsequenten Umsetzung von dynamischen Tarifen und der Einbindung bidirektionaler Technologien könnte der schlafende Riese endgültig erwachen – und eine Schlüsselrolle auf dem Weg zur Klimaneutralität übernehmen.

Anhang:

Präsentation zum Beitrag als PDF:


Quellen:

[1]  Umweltbundesamt (23.10.2024): „Erneuerbare Energien in Zahlen“, Umweltbundesamt Dessau-Roßlau
https://www.umweltbundesamt.de/themen/klima-energie/erneuerbare-energien/erneuerbare-energien-in-zahlen#uberblick

[2] Connor Thelen, Hannah Nolte, Markus Kaiser, Patrick Jürgens, Paul Müller,
Charlotte Senkpiel, Christoph Kost (2024): „Wege zu einem klimaneutralen Energiesystem“, Frauenhofer ISE Freiburg

https://www.ise.fraunhofer.de/de/veroeffentlichungen/studien/wege-zu-einem-klimaneutralen-energiesystem.html

[3] Agora Think Tanks, Prognos AG, Öko-Institut e.V., Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie gGmbH, Universität Kassel (2024): „Klimaneutrales Deutschland. Von der Zielsetzung zur Umsetzung – Vertiefung der Szenariopfade.“
https://www.agora-energiewende.de/publikationen/klimaneutrales-deutschland-szenariopfade

[4]  Anselm Eicke, Lion Hirth (2023): „Windstrom nutzen statt abregeln“, Agora Energiewende Berlin
https://www.agora-energiewende.de/publikationen/windstrom-nutzen-statt-abregeln

[5] Agora (2022): „Klimaneutrales Stromsystem 2035 “, Agora Energiewende Berlin
https://www.agora-energiewende.de/fileadmin/Projekte/2021/2021_11_DE_KNStrom2035/A-EW_264_KNStrom2035_WEB.pdf

[6]  Anselm Eicke, Lion Hirth, Jonathan Mühlenpfordt (2024): Kurzstudie „Mehrwert dezentraler Flexibilität. Oder: Was kostet die verschleppte Flexibilisierung von Wärmepumpen, Elektroautos und Heimspeichern?“, Neon Energy Berlin
https://neon.energy/Neon-Mehrwert-Flex.pdf

[7] Anselm Eicke, Lion Hirth, Jonathan Mühlenpfordt (2024): Webinar „Mehrwert dezentraler Flexibilität.“ Neon Energy Berlin
https://neon.energy/mehrwert-flex/

[8]  Lion Hirth (2024): „Heimspeicher. Nicht so toll wie du denkst “, Hertie School Berlin, LinkedIn Post
https://www.linkedin.com/posts/lionhirth_lion-hirth-heimspeicher-activity-7213487850099482625-MNsg?utm_source=share&utm_medium=member_desktop

[9] Tibber Deutschland GmbH (2024): „Pulse Strom Tracker“
https://tibber.com/de/store/produkt/pulse-ir

*Bemerkung zu Tibber:

Ich habe mich bewusst dazu entschieden, das Alleinstellungsmerkmal von Tibber hervorzuheben. Der langsame Ausbau von Smart-Metern, die zusätzlichen Anschluss- und Betriebskosten im Vergleich zu einem einfachen Digitalzähler und der Mangel an alternativen Lösungen bei anderen Anbietern für dynamische Stromtarife waren ausschlaggebend für diese Entscheidung. Abgesehen von einem Empfehlungsrabatt für den Tibber Store, der aktuell zwischen 50 und 100 € liegt und beiden Seiten zugutekommt, habe ich keinerlei Vorteile davon. Dieser Rabatt bietet interessierten Leser: innen jedoch die Möglichkeit, das notwendige Zusatzgerät vergünstigt zu erwerben, das dynamische Tarife ohne Smart-Meter erst zugänglich macht.

Empfehlungslink zu Tibber: https://invite.tibber.com/ubi756xy


Kontakt: boris.konopka@klimablog.org

Twitter: https://twitter.com/Boriskonopka

Ein Kommentar zu “Dynamische Stromtarife

  1. Bei dem Stromanbieter Naturstrom ist das IOmeter bei digitalen Stromzählern zur Nutzung der dynamischen Strompreisen zu verwenden.

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